Zeitzeugengespräch mit Frau Dr.Levi
Zeitzeugengespräch mit Frau Dr. Trude Levi
Was geschieht, wenn über 90 Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen mehr als 90 Minuten lang gespannt und konzentriert zuhören?
Dieses Verhalten konnten wir am letzten Dienstag beobachten, als Frau Doktor Trude Levi am GaF zu Gast war. Sie ist von der Fachgruppe Geschichte zu einem Zeitzeugengespräch eingeladen worden.
Frau Dr. Levi, heute wohnhaft in London, war in der letzten Woche auf Einladung der Geschichtswerkstatt der Stadt Hessisch Lichtenau zu Gast in Deutschland und absolvierte trotz ihres hohen Alters - sie ist 83 Jahre alt - ein unglaublich anstrengendes Programm. Sie besuchte jeden Tag eine andere Schule, um jungen Menschen von ihren grauenvollen und unmenschlichen Erfahrungen während der NS-Diktatur zu berichten.
Ihre Ausführungen waren von der Intention geleitet, deutlich zu machen, dass sich der Holocaust von allen Völkermorden in dieser Welt im extrem negativer Weise unterscheidet, da er sich in seiner Grausamkeit, Perversion und Systematik von allen anderen abhebt. Sie verdeutlichte diese These u.a. mit der Präsentation einer Rechnungsakte zur Verwertung menschlichen Lebens - ein Dokument, das die Grausamkeit des nationalsozialistischen Handelns allen Anwesenden vor Augen führte.
Der einleitende Skizze ihrer Kindheit und Jugend in Ungarn, die u.a. von familiärer Liebe und Fürsorge und einer humanistischen Erziehung geprägt war, kontrastiert in unbeschreiblicher und kaum in Worte zu fassender Weise mit den Erfahrungen, die sie in der Folgezeit machen musste.
Aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu den Juden wurde sie ihrer Familie, ihrer Freunde und ihrer Menschenrechte beraubt. Die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald sowie das Arbeitslager in Hessisch Lichtenau bildeten die nächsten Etappen ihres jungen Erwachsenenlebens. Ihr Überleben verdankt sie - ihren Schilderungen zufolge - einigen Zufällen und unerwarteten mehr oder weniger glücklichen Umständen. Denn die ihr und allen anderen Gefangenen willkürlich auferlegten Zwänge führten viele ihrer Mithäftlinge in den Tod.
Trotz der Widrigkeit ihrer Lebensumstände blieb sie immer ihren humanistischen Idealen treu und ließ sich nicht im Interesse des Regimes korrumpieren. Die Ablehnung des ihr angebotenen Jobs als Vorarbeiterin in der Rüstungsfabrik in Hessisch Lichtenau und die Beteiligung an Sabotagemaßnahmen zur Behinderung der Fliegerbombenproduktion sind nur zwei von vielen Beispielen, die belegen, dass sie - wie viele andere - unter großer Lebensgefahr im Rahmen ihrer Möglichkeiten versucht hat, das Unrechtregime zu bekämpfen.
Wir danken Frau Dr. Trude Levi ganz herzlich für Ihr Kommen und wünschen Ihr alles Gute. Für uns wünschen wir allen, dass auch wir immer so viel Rückgrat zeigen, um entstehendes Unrecht zu erkennen und jeder Form von Gewalt, Rassismus, Hass und Intoleranz entschieden zu begegnen.
Silvia Knospe
Birgit Heene




